10 Februar 2013

Chopin aktuell

Chopins Préludes Op.28 und die große b-Moll-Sonate: Es ist nicht gerade abseitiges Repertoire, mit dem der in München lehrende Wolfram Schmitt-leonardy auf seiner jüngsten Einspielung an die Öffentlichkeit geht. Die Konkurrenz ist gewaltig und gewichtig, also darf die Frage erlaubt sein, ob die Welt eine solche Produktion überhaupt braucht. Schmitt-Leonardy beantwortet diese Frage sehr schnell: Ja, man braucht sie, denn hier ist ein Pianist am Werk, dessen Chopin-Bild nicht nur perfekt in unsere Zeit passt, sondern darüber hinaus so manchen jüngeren Klavier-Popstar, der sich gerade mit Chopin hervorgetan hat in die Schranken weist. Schmitt-Leonardys Chopin ist kontrolliert, ohne unterkühlt zu wirken. Die unterschiedlichen Klangebenen, wie sie sich beispielsweise aus rasanten, aber immer klar konturierten Läufen ergeben, über denen sich geschmackvoll agogisch gestaltete Meldodiebögen entfalten können (Prélude Nr.3, G-Dur) – das ist hohe pianistische Kunstfertigkeit, der es gelingt, die interpretatorischen Freiheiten zu nutzen, die Chopins Klaviermusik öffnet, ohne sie durch ein Zuviel an subjektiven Zutaten zu entstellen. Man höre zum Einstieg die Ohrwürmer auf dieser CD (beispielsweise das berühmte e-Moll-Prélude), um das Gesagte bestätigt zu finden. Schmitt-Leonardy trifft in dieser Musik den Tonfall einer echten Innerlichkeit, die ohne jeden Anflug von verzärtelter Sentimentalität auskommt. Höhepunkt des Albums ist für mich der Trauermarsch der b-Moll-Sonate, dessen Mittelteil der Pianist mit der Schlichtheit eines Wiegenliedes ausstattet, was ein sehr versöhnliches Licht auf diesen finsteren Satz wirft. (Arnd Richter in Fono Forum 02/2013)

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