04 Juni 2013

CHOPIN-CD

Lieben Sie Chopin? Eines ist klar: Viele Wege führen zu diesem Komponisten. Ausgesprochen revolutionär ist die hier eingeschlagene Richtung freilich kaum (muss es auch nicht sein). Man vernimmt jedenfalls einen Pianisten, der Chopin verstanden hat. Das ist schon enorm viel. Mit Gefühl, ohne allerdings je ins Gefühlige oder gar Kitschige abzudriften, gestaltet Wolfram Schmitt-Leonardy die kleinen, kompakten Formen der 24 Préludes op. 28. Vom ersten Takt an schwingt und singt diese Musik. Jedes Stück erhält auch in der Farbe sein eigenes Profil, und beim Hören wird einem nie langweilig. Dieser an der Hochschule in München lehrende Saarländer darf als Geheimtipp gelten. Er ist ein Klavierlyriker und Ausdrucksmusiker, der auf Tastendonner und Geklingel verzichten kann. Motorik (Nr. 3, G-Dur) und Furor (Nr. 16, b-Moll) aber sind, wo erforderlich, bündig zur Stelle. Das Des-Dur-Prélude changiert zwischen Traumsphäre und Trauermarsch. Immer wieder landet man bei der Kantilene, ehe der Zyklus kompromisslos in der Aporie endet. Die b-Moll-Sonate geht der Spieler ziemlich impulsiv an. Gleichwohl entdeckt er das Melos im Scherzo und die Lyrik im Kondukt. Und das so hurtige wie knappe Postludium gerät zum intendierten Exempel für artifiziellen Nihilismus. Fazit: Derart lässt sich die melancholische Tonkunst dieses überzeitlichen Romantikers auslegen. Höchst reflektiert führen Schmitt-Leonardys Interpretationen direkt ins Zentrum der Chopin’schen Ästhetik. Hier wird diese Musik zum Erlebnis. (Johannes Adam)

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